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Gedenken an Ruth

„Heute vor 76 Jahren starb die 5-jährige Ruth in der Wittenauer Städtischen Nervenklinik für Kinder und Jugendliche Wiesengrund. Sie wurde als gesundes Kind eingeliefert, weil sie ihrer Pflegemutter „zu anstrengend“ war. Das Pflegepersonal bezeichnete sie als kleinen Frechdachs. Sie war eines von vielen Kindern, die dem Euthanasieprogramm zum Opfer fielen. Wir haben für Ruth eine Patenschaft übernommen, um die Erinnerung an sie wachzuhalten.“

Schreibwerkstatt der Mark-Twain-Bibliothek Marzahn

Kerze mit Urkunde und Texten der Schreibwerkstatt Marzahn
Texte für Ruth

 

Schreibwerkstatt der Bezirksbibliothek
Mark Twain, Marzahn:
Ruth R.

Schreibende Erkundungsgänge:
Mein liebes Kind – Besuch des Gedenkorts Eichborndamm 238

 

Diese fiktiven Briefe schrieb Vivian nach dem ersten Besuch der Schreibwerkstatt am Eichborndamm:

09. Juni 1942
Liebstes Schwesterchen,

ich hoffe, es geht Dir besser. Mutter, Vater und ich wollten Dich letzte Woche besuchen, aber der Arzt sagte, Dir ginge es zu schlecht. Dabei hatten wir alle so sehr Hoffnung, dass es in dieser Einrichtung besser werden würde! Ich glaube fest an Dich, mein liebes Schwesterchen und bete jeden Abend, dass es Dir besser gehen möge und wir dich bald wieder besuchen können. Sei stark!
Deine Schwester Katharina

28. Juni 1942
Mein liebstes Schwesterchen,
die Ärzte sagen, es ginge dir besser. Das freut mich so! Sie hätten einen vielversprechenden Eingriff durchführen können und wir dürfen Dich bald wieder besuchen. Ich bin so aufgeregt, Maria! Du musst mir unbedingt erzählen, wie es dort so ist. Sind die anderen Kinder nett? Spielen sie mit Dir? Sind dort auch 14-Jährige wie Du? Mutter meinte, dort seien meist Babies. Ich werde Dir eins meiner Püppchen mitbringen, damit Du nicht so allein bist. Bis bald!
Dein kleines Schwesterchen

25. Juli 1942
Liebste Schwester,
Mutter und Vater sind wie ich sehr traurig. Dein Zustand soll gut sein, doch wir dürfen Dich aus komischen Gründen nicht besuchen. Die Ärzte sagen, sie hätten noch einen Eingriff durchführen müssen, damit Du gesund bleibst und Du bräuchtest Ruhe. Aber wir wären auch ganz leise, wenn wir bei Dir sind! Und Dir würde es doch sicher schneller besser gehen, wenn wir Dir ein Küsschen mitgeben könnten, oder? Mutter überlegt, Dich heim zu holen. Würdest Du das gut finden? Ich habe das Püppchen bei der Schwester abgegeben und hoffe, sie tröstet Dich, bis wir uns wiedersehen. Gute Besserung!
Dein Schwesterchen

13. August 1942
Liebstes Schwesterchen,
Mutter und Vater wollen Dich heim holen. Sie sagen mir nicht genau, warum. Ich glaube, nach den ganzen Behandlungen würde es Dir Zuhause gut tun. Ich freue mich, Dich bald wieder umarmen zu können. Bis bald und vergiss mein Püppchen nicht!
Deine kleine Katharina

Maria schrieb nie zurück. (Sie kehrte nicht wieder heim.) Ihre Familie sah sie nie wieder.

Vivian Nestler

 

Info zur Schreibwerkstatt gibt es hier:
https://www.berlin.de/bibliotheken-mh/angebote/schreibwerkstatt-fuer-jugendliche/